Sonntag, 23. September 2018

Urlaub zuhause Teil 13 - Reise um mein liebes kleines Bundesländchen

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 Etappe 13 am 18./19.9.2018 

Keine einzige der vorangegangenen 12 Etappen hat es mir so schwer gemacht, Interessantes am Streckenverlauf zu finden.

Gut, am Anfang der Etappe befinde ich mich immer noch innerhalb der Biosphäre Bliesgau und habe somit wenigstens schöne weite Landschaft um mich herum, aber je näher ich der Landeshauptstadt komme, desto mehr finde ich nur noch reine Wohnstädte, in denen offenbar außer der jeweiligen Kirche nichts Sehenswertes aufgeführt ist.

Leider sind viele Seiten, die bei Suchen noch gelistet sind, nicht mehr erreichbar, ich vermute mal stark wegen der DSGVO - irgendwie ist da auch ein Stück digitale Kultur verloren gegangen (sofern man es so bezeichnen darf), Menschen, die sich die Mühe gemacht hatten, die Geschichte und Bauwerke ihres Ortes zu erkunden und zu dokumentieren, sind aufgrund der erwarteten Schwierigkeiten zurückgezuckt und haben ihre Seiten aus dem Netz genommen...sehr schade!

Meine ganzen Google- und Wikipedia-Suchen ergaben nur ein paar Krümel - schon eher fündig wurde ich da, wenn ich einfach bei naher Vergrößerung dem Streckenverlauf auf Maps folge und dabei Ausschau halte nach vielversprechenden Punkten.

Oder "meinen" geliebten braunen Hinweisschildern am Wegesrand, die mich so oft schon auf schöne und abenteuerliche Strecken führten.

So ging es auch mit dem ersten Tagespunkt:

Ich war ja zuletzt in Reinheim, wo sich über die Grenze hinweg die römischen und keltischen Ausgrabungen erstrecken. Unmittelbar daneben fand ich auf der Karte das Örtchen Frauenberg, das schon zu Frankreich gehört und nur durch die Blies von Reinheim getrennt ist. Deutsch-französische Nachbarschaft mal wieder in Sicht- und Schrittweite.

Und da sehe ich auf der Karte eine Burg! Sie ist in Trümmern, okay, aber hat doch noch etwas Imposantes mit ihren 5 Meter dicken Mauern, und darüber hinaus, wie ich dann bei gezielten Netzrecherchen finde, eigentlich eine wichtige Rolle für die saarländische Wirtschaftsgeschichte bis heute, von der ich noch nie gehört hatte.

Die Frauenburg in Frauenberg/Frankreich

Und zwar begann hier die Geschichte der heutigen saarländischen Weltfirma Villeroy & Boch!
Kaum zu glauben und ich hatte zuvor noch nie davon gehört.

In einem Seitenflügel des Schlosses betrieb Nicolas Villeroy 1786 zusammen mit einem Geschäftspartner eine Keramikfabrikation, was daraus wurde, kennt heute wohl jeder. Später tat er sich dann mit Herrn Boch zusammen.

Leider ist der Zugang zur Burg wegen möglicher herabfallender Brocken gesperrt. Ich konnte nur durch ein Absperrgitter hindurch fotografieren.

Und da ist einem in diesen französischen Örtchen zusätzlich immer noch irgendwo einer dieser Stromleitungsmasten im Weg, denn hier - das fällt uns in Deutschland schon gar nicht mehr auf - gibt es keine unterirdische Stromführung, die Leitungen hängen kreuz und quer über Bürgersteige und Straßen.





Schon als ich auf der Suche nach einem Parkplatz durch den Ort fuhr und schnell an dessen Grenze geriet, sah ich rechts der Straße und unterhalb der Burg diesen Friedhof, und ich dachte noch, du meine Güte, in welchem Zustand ist der denn?


Zum Glück war das schmiedeeiserne Tor offen und ich konnte das Gelände betreten - alle Grabsteine kreuz und quer, es sah aus wie in einem Mund voller fauler Zähne...ohne den strahlenden Sonnenschein wäre es sicher richtig gruselig geworden.

Doch dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: das ist ein verlassener jüdischer Friedhof! Die hebräische Schrift auf dem ersten Grabstein machte das deutlich.



Ehrlich gesagt war ich zu feige, hier weiter rein zu gehen, der Boden war so ungleich, ich fragte mich, ob ich da nicht auf eine lose Stelle treten und einbrechen könnte? Und wer würde mich hier finden? Also nur feige Fotos vom Rand...

Recherche zuhause ergab lediglich: er besteht seit 1740, der älteste Grabstein stammt von 1750 und man findet wertvolle barocke und klassizistische Grabsteine.
Die meisten Links führten ins Leere, auch hier haben sich wohl Seiten wegen Datenschutz verabschiedet, ich bedaure das.

Dann gehe ich in den Ort, und mache einige Aufnahmen von alten Höfen und von der in Wiki aufgeführten "Gründerzeit-Bausubstanz (um 1915) an (unrestaurierten) Gebäuden". So ganz einfach ist das allerdings nicht, denn vor mehreren Häusern stehen Menschen und unterhalten sich miteinander (!) und schauen mir neugierig zu, und deren Häuser kann ich ja dann leider nicht knipsen. Ich grüße mal in deutsch und mal in französisch. Und mir wird immer entsprechend geantwortet. Hier ist man nämlich überwiegend zweisprachig.






hier steht noch die Umfassungsmauer des ehemaligen Misthaufens:


Direkt unterhalb der Burg fließt die Blies, und hier steht eine alte Bliesmühle, das Wasser fließt direkt unter dem Gebäude hindurch.


Typisch französisch diese seltsamen Blech-Läden:


Wenige Schritte weiter dann die Freundschaftsbrücke - eine Fußgängerbrücke über die Blies - die hinüberführt ins deutsche Habkirchen - im ehemaligen Zollhäuschen befindet sich heute das Zollmuseum (leider nur sporadisch geöffnet - ich erinnere mich noch gut an die Schmuggelgeschichten meiner eigenen Familie, so wurde z.B. mein Kinderwagen von meinen Eltern trickreich aus dem "Reich" ins Saarland geschafft, das damals noch von Deutschland abgespalten war), jedes Jahr gibt es hier ein Brückenfest (2018 aber offenbar nicht, warum nicht? Simma keine Freunde mehr?).






Diese Auspuff- oder Ölwannenabreißinstallationen findet man in jedem dieser kleinen französischen Ort immer gleich mehrfach - und mit gutem Grund: aus eigener Erfahrung, mein Weg zur Arbeit führt zu 70% durch Frankreich, kann ich sagen, dass hier noch viel weniger als in Deutschland auf die Tempo-30-Schilder geachtet wird, schon mehrfach wurde ich vor dem Zebrastreifen am französischen Kindergarten von französischen Autos überholt, manchmal sogar mit Hupen...


Aber diese Auto-Zerstörungs-Wippen erzwingen ein absolutes Langsam-drüber-Fahren, sonst sind Teile des Unterbodens flöten...selbst mit 30 wäre man da noch etwas zu schnell. Ich wünschte manchmal, in meiner Wohnstraße gäbe es auch so was - Schulkinder hin oder her, manche haben es eben eilig, nicht wahr! Deutsche Fahrer können ebenso Blödmänner sein.

Ich verlasse Frauenberg und fahre in Richtung Bliesransbach weiter, da sehe ich das erste verlockenden "braune Schild am Wegesrand", das geheimnisvoll auf ein "Höllengässchen" hinweist, ein schmaler Weg führt durch dichte Bewachsung nach oben. Betreten auf eigene Gefahr.


Was könnte da wohl sein? Warum "Hölle"? Ich schicke eine sms nachhause, auf welchen Trip ich mich da begebe und mache mich auf den Weg.

Lose geschichtete Steinmauern erinnern mich an die Orchideenwanderung, wo ich lernte, dass das von aufgelassenen Weinbergen herrührt. Ob das hier wohl auch so ist?


Gruppen knorriger Buchen säumen manchmal den Weg.

Und da dann Aussicht! Mit der Burg Frauenberg am linken Ausschnitt. Hübsch, das hat sich schon mal gelohnt.



Und dann diese Stelle: gerade erst von einem Friedhof kommend denke ich "Grabstein", aber es ist wohl so eine Art Wegekreuz/Stele,


und sehr verwundert sehe ich die überaus merkwürdige Inschrift, die mir bis jetzt Rätsel aufgibt:


Der Weg endet dann allerdings ganz profan neben einer Garage oben in Bliesmengen-Bolchen.

Zurück am Auto fällt mein Blick auf eine rosa-lila-getupfte große Wiese auf der anderen Straßenseite: Herbstzeitlosen! Das Foto gibt leider nicht wieder, wie hübsch das in echt aussieht - auch wenn die Dinger giftig sind, erfreut ihr Anblick (allerdings wohl nicht den Bauern...hier Heu machen kann er vergessen).



Weiterfahrt, nach wenigen Kilometern wieder braune Hinweisschilder: Alfred Döblin? Ist das nicht der Schriftsteller, der "Berlin Alexanderplatz" schrieb? Was macht der hier? Und "Ritthof"? Hört sich auch interessant an, zumindest für mich.

Also wieder ab in die Pampa, und ich finde: hier gibt es einen Alfred-Döblin-Wanderweg, weil dieser im 1. Weltkrieg im nahegelegenen Sarreguemines (damals natürlich noch Saargemünd) als Lazarettarzt diente, am Krieg verzweifelte und jede Gelegenheit zu ausgedehnten Wanderungen im schönen Bliesgau nutzte.



Über den Ritthof hat Döblin auch eine Geschichte geschrieben, "Das Gespenst vom Ritthof", und hier bestätigt sich auch meine Vermutung des Weinanbaus da an dem Höllengässchen: bis 1923 wurde hier Wein angebaut, dann war der Ertrag zu mager - aber "dank" Klimawandel wird seit 2004 wieder Weinanbau gepflegt, und direkt vor dem Hof befindet sich schon die erste Rebenlage.


Übrigens:

Diese "kleine-Wege-Fahr-Recherche" ging aber nicht immer positiv aus: Einmal sah ich in dieser Region im französischen Teil einen schmalen Betonweg, ohne Sperrschild, der verheißungsvoll auf einen der Hänge zu führen schien, von wo ich mir eine Draufsicht auf den Kulturpark Reinheim etc. versprach.

Dieser Weg endete dann abrupt auf einem großen Schrottplatz für landwirtschaftliche Fahrzeuge! Alte Mähdrescher und sonstiges Riesiges vor sich hin Rostendes - das hätte ich ja auch noch als Gag fotografiert, aber da stand mittendrin ein grimmig schauender Mann mit den Fäusten in den Hüften und starrte mich an, da machte ich schnell kehrt (und beömmelte mich aber auch gründlich auf dem Rückweg 😂)

Nur 1,5 km von hier steuere ich das überaus hübsche Gräfinthal an. Das war schon in Kinderzeiten öfter Ausflugsziel samt Spaziergang gewesen.


Es ist ein altes Klostergelände, Teil des Jakobsweges, und hat sage und schreibe nur 5 Gebäude, wovon eines die Klosterkirche ist. Es liegt idyllisch, wie der Name schon sagt, in einem bewaldeten Tal und strahlt auch heute noch klösterliche Stille aus.

Leider sind gerade umfangreiche Bau- und Kanalisationsarbeiten im Gange - schwierig, vernünftige Fotos zu machen - außerdem erhalte ich, gerade aus dem Auto ausgestiegen, die "Anweisung": fahr gleich zu M., er hat angeboten, dein Auto zu polieren, es muss aber sofort sein.

Also presche ich schnell durch das Winz-Örtchen






Der sog. Gräfinthaler Stern mit der Jakobsmuschel:

Die ebenfalls hier befindliche Naturbühne Gräfinthal liegt zu weit im Wald drinnen, als dass ich da heute noch hinkönnte, und extra nochmal fahren, das lohnt nicht, daher nur ein Link und ab zum Autopolieren. Und genau darum wird es auch noch eine Etappe 14 geben, sobald ich einige Stunden Zeit habe bei gleichzeitigem gutem Wetter.

9 Kommentare:

  1. Die Frauenburg mit der dahinter steckenden Geschichte von Villeroy und Boch ist ja interessant. Schade, dass sie in so schlechtem Zustand ist und man nur außerhalb des Zauns die Burg bestaunen kann.

    Der verlassene Friedhof ist auch sehr spannend. Da hätte ich auf jeden Fall noch weiter gestöbert :-D

    Misthaufen-Mauern!!!! Die hab ich seit Kindertagen nicht mehr gesehen - damals sogar noch mit Misthaufen drin :-D

    Diese autoschrottende Bremshügel sind uns im Elsass auch schon begegnet. Und ja, selbst mit 30 km/h ist man da noch zu schnell. Das die Franzosen so miese Autofahrer zu sein scheinen, dass man sie mit solchen Hügeln abbremsen muss ist erschreckend. Aber ich hab drüben ja auch schon fast einen Unfall gehabt, weil mich ein Franzose kurz nach dem Kreisverkehr fast von der Straße gedrängt hat - und ich hab bis heute keine Ahnung wieso?!

    Das Höllengässchen ist toll. Schön urig. Verdient den Namen eigentlich nicht.

    Ein gelungener Ausflug und eine schöne Etappe. Irgendwie freue ich mich, dass es wegen spontanem Auto polieren noch eine weitere geben wird :-D

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  2. eine schöne etappe!!
    herrliche bilder wieder.
    die burg ist - zumindest bei V&B-kram aus´m 19.jh. - das logo der firma!! trödeln büldet ;-D allerdings war "gründerzeit" von 1870 (D hatte den krieg gegen frankreich gewonnen und die wirtschaft profitierte davon) bis ca. 1890 - dann kam die belle epoche und der jugendstil......der war aber 1910 auch schon wieder vorbei..... und 1914 war dann sowieso schicht mit kunst und kultur.
    was ja auch dem herrn döblin aufgefallen ist.
    auch kommen mir die häuser auf deinen bildern eher vor wie 18!15 - ländliches empire/biedermeier.
    bin gespannt was noch kommt! :-D
    xxxx

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  3. Ups da bin ich ja glatt auf eine falsche Wikipedia-Angabe hereingefallen, habe gerade nochmal geschaut: Da steht es wirklich mit 1915...aber du hast natürlich Recht! Hätte mir auffallen dürfen... Und das mit dem V&B-Firmenstempel hat mich jetzt brennend interessiert, ich finde im Stempelverzeichnis aber nur welche, wo der "Alte Turm Mettlach" zu sehen ist, kann es sein, dass du DEN meinst? Mit Burg hab ich keinen gefunden. Der Alte Turm ist DIE Sehenswürdigkeit im späteren und heutigen Firmensitz in Mettlach, er stammt von ca. 990 n. Chr. - ich schreib dir mal noch über deinen blog, weil "so Sachen muss ich immer unbedingt wissen" :-)

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  4. @V&B: also mein lieblingströdler referierte immer über die "schlossmarke" - deswegen kam ich drauf - aber offensichtlich ist wohl die alte kapelle mit turm das vorbild des stempels....
    nuja. is mir eigentlich auch wurscht, mach mir nix aus der keramik :-D
    das andere ist sicher ein tippfehler, die wenigsten kennen sich ja aus in den stilen, da merkt´s dann auch keiner. hab schon jede menge 30/40er jahre kitsch als jugenstil angepriesen gesehen - z.b. ;-D
    xx

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  5. Hallo liebe Frau Ka,
    mir gefällt's wie du an deine Entdeckungen rangehst. Das alte V&B-Gemäuer hätte es mir auch angetan (Schad,e dass man nicht hinkonnte!) und der Friedhof erstrecht. Da hättst du ja ebenfalls eine SMS heimschicken und dann auf Entdeckungsrour gehen können ;-) Mich hätte von dort jedenfalls nicht so leicht was abgebracht, überhaupt bei DEM Licht! :-)
    Frage: Was heißt beömmeln?????
    Liebe Rostrosengrüße, Traude
    https://rostrose.blogspot.com/2018/09/eine-woche-im-ausseerland-teil-1.html

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  6. Liebe Rostrose, "sich beömmeln", so ungefähr "sich vor Lachen nicht einkriegen, vor allem, wenn man selber gerade einen Bock geschossen hat" ;-) so würde ich es mal übersetzen - später les ich auch noch deinen Ausseer-Beitrag und da schreib ich die Antwort auch noch rein, falls du hier nicht mehr herkommst ;-)

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  7. Aaaah😂 jetzt bin ich im Bilde, danke! Bei uns würde das heißen „sich übervsich selber abhauen“

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  8. Über sich selber...
    Dieses Abhauen hat übrigens nicht mit davonlaufen zu tun. Ich hau mich ab heißt so viel wie ich lach mich kaputt 😉

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  9. dieses Höllengässchen sieht ja abenteuerlich aus
    aber da wäre ich sicher auch rumgeklettert ;)

    das alte Kloster hat auch sehr schöne Gebäude

    auf die Blechläden trommelt es sicher heftig wenn es regnet..
    boaah das würde mich nerven ..
    mein Mann hat früher für Bekannte seiner Mutter Butter geschmuggelt wenn sie dort zu Besuch waren.. er hatte schon früh ein Auto ;)

    liebe Grüße
    Rosi

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